31.03.2026
Wie innovativ ist Green Care?
Ein Blick auf die rund 140 zertifizierten Green Care-Betriebe in Österreich zeigt zunächst eines: Kein Hof gleicht dem anderen. Die Angebote sind so vielfältig wie die Menschen, die sie entwickeln. Sie reichen von Bauernhofkindergärten und Beschäftigungsprojekten für Menschen mit Behinderung über tiergestützte Therapieangebote, Senioren-WGs und -Tageszentren bis hin zu gesundheitsfördernden Projekten am Hof. Drei Beispiele zeigen, wie unterschiedlich diese Vielfalt in der Praxis aussehen kann:
Am Impuls-Hof von Rupert Hobl und Renate Höfler in Stössing (Niederösterreich) ist mit der Green Care-Privatschule „Entdecker-Zeit“ eine Schule direkt am Bauernhof entstanden, die sich an Kinder mit besonderem Förderbedarf und unterschiedlichen sozialen Voraussetzungen richtet. In kleinen, altersgemischten Gruppen lernen die Kinder praxisnah, handlungsorientiert und mit allen Sinnen – draußen in der Natur und bei der gemeinsamen Arbeit am Hof. Tiere und natürliche Abläufe geben Struktur, fördern Selbstvertrauen und stärken soziale Kompetenzen.
Einen ganz anderen Weg haben Petra und René Inkret mit ihrem Biohof Hofwiesler im Lavanttal (Kärnten) eingeschlagen. Sie verbinden Landwirtschaft, Kunst und Gesundheitsangebote zu einem kreativen Gesamtkonzept. Im Mittelpunkt stehen Keramikworkshops, Brotbackkurse, mehrtägige Auszeiten mit Yoga-Einheiten und tiergestützten Aktivitäten sowie Feriencamps für Kinder. Die Teilnehmenden arbeiten im Atelier, sind in den Hofalltag eingebunden und nutzen die ruhige Lage bewusst zur Entschleunigung.
Der Lilienhof von Herbert Wechselberger in Schwoich (Tirol) wiederum wurde zu einem regional vernetzten Therapiezentrum weiterentwickelt. In Kooperation mit dem Verein „Schritt für Schritt“ werden Kinder und Jugendliche mit mehrfachen Behinderungen auf ihrem Weg zu größtmöglicher Selbständigkeit begleitet. Ein zentrales Element ist die konduktive Förderung nach Petö, bei der Lernen, Therapie und Alltag ineinandergreifen. Gefördert wird dort, wo das Leben am Hof stattfindet: im Stall, im Garten und im Wald, für den sogar ein barrierefreier und rollstuhlgerechter Weg angelegt wurde.
Betriebliche Innovation: Neue Wege in der Diversifizierung
So unterschiedlich diese Beispiele sind, sie haben etwas gemeinsam: Die vorhandenen Ressourcen des Hofes – seine Flächen, Tiere und Gebäude – werden neu genutzt und mit fachlichen Qualifikationen im pädagogischen, sozialen oder gesundheitlichen Bereich verbunden. Entscheidend ist dabei die Verschiebung der Funktion: Ein landwirtschaftliches Nutztier kann Teil der Produktion sein – oder, entsprechend ausgebildet, im Rahmen tiergestützter Angebote Kinder in ihrer Entwicklung unterstützen. Genau in solchen Verschiebungen liegt das betriebliche Innovationspotenzial von Green Care.
Innovation wird dabei nicht nur technisch gedacht. Das Oslo-Handbuch (OECD/Eurostat 2024) beschreibt Innovationen als neue oder deutlich verbesserte Produkte oder Dienstleistungen, die sich vom bisherigen Angebot unterscheiden und in der Praxis erfolgreich umgesetzt werden. Mit Green Care bleibt der Hof nicht nur Produktionsort, sondern wird zum Ort für soziale Dienstleistungen. Neue Zielgruppen werden erschlossen, neue Formen der Zusammenarbeit und der Wertschöpfung entstehen – ausgehend von den bestehenden Ressourcen.
Die Vielfalt der Angebote entsteht jedoch nicht zufällig. Die Entwicklung von Green Care-Projekten folgt einer klaren Struktur. Grundsätzlich lassen sich zwei Ausrichtungen unterscheiden: Angebote für den freien Markt – etwa gesundheitsfördernde Auszeiten, therapeutische Angebote oder Bildungsformate – und Leistungen, die in Zusammenarbeit mit Sozialträgern, Ländern und Gemeinden entstehen und über öffentliche Systeme (mit)finanziert werden. Dazu zählen etwa institutionelle Betreuungsangebote für Kinder, ältere Menschen oder Menschen mit Behinderung.
Viele Angebote entstehen zudem an Schnittstellen – nicht nur zwischen Landwirtschaft, Bildung, Gesundheit und Sozialem, sondern auch im Übergang zum Gewerbe. Genau hier zeigt sich die besondere Dynamik von Green Care: Dienstleistungen, Zielgruppen und Rechtsformen werden auf neue Weise miteinander verbunden – das erfordert mitunter auch Mut und die Bereitschaft zu einer veränderten unternehmerischen Haltung. In diesem Sinn lässt sich Green Care als besonders innovative Form der Diversifizierung verstehen.
Das zeigt auch die aktuelle Bedarfserhebung zur Diversifizierung in der Landwirtschaft, die im Rahmen des EU-kofinanzierten Projekts „Bildungsinitiative Diversifizierung – (neue) Wertschöpfungsstrategien für die kleinstrukturierte multifunktionale Landwirtschaft in Österreich“ unter Leitung der Hochschule für Agrar- und Umweltpädagogik durchgeführt wurde. Auf Basis von Befragungen von Betrieben sowie Expert:innen aus Agrarberatung, Wirtschaft und Sozialbereich wird deutlich: Zukunftsfähige Diversifizierung entsteht vor allem dort, wo Betriebe eine unternehmerische Haltung entwickeln und ihre Angebote konsequent an konkreten Bedarfen ausrichten: an den Bedürfnissen von Zielgruppen, an gesellschaftlichen Entwicklungen und an realen Marktchancen. Damit das gelingt, braucht es eine qualifizierte Prozessbegleitung durch die Landwirtschaftskammern und Rahmenbedingungen, die Entwicklung ermöglichen, statt sie durch bürokratische Hürden zu bremsen.
Soziale Innovation: Lösungen für gesellschaftliche Herausforderungen
Doch Green Care bleibt nicht auf der Ebene des einzelnen Betriebs stehen. Egal, ob Angebote gemeinsam mit Sozialträgern, Gemeinden oder Bildungseinrichtungen entwickelt und umgesetzt oder selbständig am Markt angeboten werden – landwirtschaftliche Betriebe können Teil bestehender Versorgungsstrukturen im ländlichen Raum werden. Green Care lässt sich daher nicht nur als betriebliche, sondern auch als soziale Innovation verstehen.
Nach Zieliński et al. (2024) sind soziale Innovationen vor allem daran zu messen, ob sie gesellschaftliche oder ökologische Probleme besser lösen als bestehende Ansätze – nicht primär an ihrem Neuheitsgrad. Innovation kann dabei auch in veränderten Organisationsformen oder neuen Kooperationen liegen.
Ein Beispiel: Ein Green Care-Betrieb entwickelt gemeinsam mit Bildungsdirektion und Kinder- und Jugendhilfe ein Angebot für Schüler:innen, die aufgrund sozialer Spannungen, Schulverweigerung oder Suspendierung nicht mehr in den regulären Unterricht integriert werden können. Die Jugendlichen arbeiten am Hof mit Tieren, übernehmen verbindliche Aufgaben in einem klar geregelten Alltag und werden sozialpädagogisch begleitet. Parallel wird auch die Schulklasse einbezogen, um das soziale Gefüge zu stabilisieren und die Rückkehr vorzubereiten.
Gerade darin zeigt sich Green Care als soziale Innovation: Hier entsteht nicht einfach ein zusätzliches Angebot, sondern eine neue Form der Problemlösung. Das bestehende Schulsystem stößt in solchen Situationen oft an Grenzen. Durch die Kooperation mit einem landwirtschaftlichen Betrieb wird der Lern- und Entwicklungsort bewusst verlagert und erweitert. Entscheidend ist dabei die Kombination aus pädagogischer Arbeit, praktischer Tätigkeit und einem anderen sozialen Umfeld. Genau in dieser Verbindung liegt die soziale Innovation: Ein bestehendes gesellschaftliches Problem wird durch eine neue Konstellation von Akteuren, Orten und Methoden adressiert – mit dem Ziel, bessere Wirkungen zu erzielen als innerhalb des Systems allein.
So betrachtet liegt die Innovation von Green Care darin, dem Hof und seinen vorhandenen Ressourcen neue Funktionen zu geben. Was bisher vor allem der landwirtschaftlichen Produktion diente, kann unter veränderten Rahmenbedingungen auch zum Ausgangspunkt für Bildung, Betreuung, Therapie oder soziale Teilhabe werden. Gleichzeitig fließen die unterschiedlichen beruflichen Qualifikationen der Menschen am Hof in die betriebliche Entwicklung ein und eröffnen neue Handlungsmöglichkeiten. Entscheidend ist dabei, dass der landwirtschaftliche Charakter des Hofes erhalten bleibt. Gerade weil der Bauernhof kein künstlich geschaffener Lern- oder Therapieraum ist, sondern ein realer Arbeits- und Lebensort, entfaltet Green Care seine besondere Wirkung.
Quellen:
OECD, & Eurostat. (2024). Oslo-Handbuch 2018: Leitlinien für die Erhebung, Darstellung und Nutzung von Innovationsdaten (4. Ausg.). OECD Publishing.
Prop, N., Kirner, L., & Hager, V. (2026). Bedarfserhebung: Diversifizierung in der österreichischen Landwirtschaft: Impulse für die strategische Weiterentwicklung auf Basis von Literatur- und Praxisrecherche, Telefonumfrage sowie Gesprächen mit Landwirtinnen, Landwirten und Expertinnen und Experten. Hochschule für Agrar- und Umweltpädagogik, Zentrum für Weiterbildung und Drittmittelprojekte / eigene Rechtspersönlichkeit.
Zieliński, F., Mildenberger, G., Rabadjieva, M., Sauerbier, E., Terstriep, J., & Wruk, D. (2024). Was sind soziale Innovationen und wie lassen sich ihre Impacts messen? Konzeptionelle Grundlagen für innovationsfeldspezifische Wirkmodelle (Research Paper). Centrum für Soziale Investitionen und Innovationen, Universität Heidelberg.
Prop, N., Kirner, L., & Hager, V. (2026). Bedarfserhebung: Diversifizierung in der österreichischen Landwirtschaft: Impulse für die strategische Weiterentwicklung auf Basis von Literatur- und Praxisrecherche, Telefonumfrage sowie Gesprächen mit Landwirtinnen, Landwirten und Expertinnen und Experten. Hochschule für Agrar- und Umweltpädagogik, Zentrum für Weiterbildung und Drittmittelprojekte / eigene Rechtspersönlichkeit.
Zieliński, F., Mildenberger, G., Rabadjieva, M., Sauerbier, E., Terstriep, J., & Wruk, D. (2024). Was sind soziale Innovationen und wie lassen sich ihre Impacts messen? Konzeptionelle Grundlagen für innovationsfeldspezifische Wirkmodelle (Research Paper). Centrum für Soziale Investitionen und Innovationen, Universität Heidelberg.
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